Führung bei Krankheit im Team

Das Wichtigste in Kürze

Steigende Krankheitstage fordern Führung heraus. Doch Führung kann gestalten – durch Aufmerksamkeit, klare Kommunikation und Beziehung. Kein Macht-Thema, sondern Haltung.

Inhaltsverzeichnis zu diesem Beitrag:

Steigende Krankheit­stage sind für Führungskräfte ein stilles Warnsignal. Die Zahlen tauchen in Reports auf, Nach­fra­gen kom­men aus dem Man­age­ment, Erwartun­gen ste­hen im Raum. Gle­ichzeit­ig wis­sen viele Führungskräfte sehr genau: Per­son­al, Ziele, Struk­turen – die großen organ­isatorischen Stellschrauben liegen oft nicht in ihrer Hand. Und doch bleibt das Gefühl, ver­ant­wortlich zu sein.

Dieser Wider­spruch prägt den Führungsall­t­ag viel­er Men­schen. Nähe zu Mitar­bei­t­en­den, hohe Ver­ant­wor­tung für Zusam­me­nar­beit und Ergeb­nisse – aber ohne direk­ten Zugriff auf alle Entschei­dun­gen. Ger­ade in belasteten Zeit­en wird dieser Spalt beson­ders spür­bar.

Krankheitstage sagen wenig über Führung aus – aber viel über Organisationen

Krankheit­stage sind kein direk­ter Maßstab für Führungsqual­ität. Sie sagen wenig darüber aus, ob Führung gut oder schlecht ist. Sie sagen jedoch viel darüber aus, wie Organ­i­sa­tio­nen mit Belas­tung umge­hen – und wie sicht­bar diese Belas­tung im All­t­ag wird.

Belas­tung gehört zur Arbeit­sre­al­ität. Ter­mine, Zielvor­gaben, Schnittstel­len­prob­leme, Verän­derung­sprozesse. Führungskräfte sind häu­fig damit beschäftigt, diese Belas­tung zu struk­turi­eren und zu verteilen. Prob­lema­tisch wird es dort, wo Führung sich auss­chließlich auf die Organ­i­sa­tion von Belas­tung konzen­tri­ert – und dabei den Blick für die Men­schen ver­liert, die diese Belas­tung täglich tra­gen.

Was Führung gestalten kann

Führung kann Krankheit nicht ver­hin­dern. Aber sie kann bee­in­flussen, ob Belas­tung besprech­bar wird, ob Rück­kehr gelingt und ob Men­schen sich gese­hen fühlen. Das hat nichts mit for­maler Macht zu tun. Es hat mit Beziehungs­gestal­tung zu tun.

Aufmerksamkeit als Führungspraxis

Aufmerk­samkeit bedeutet nicht, ständig nachzufra­gen oder Für­sorge zu insze­nieren. Aufmerk­samkeit bedeutet: wahrnehmen, wenn sich etwas verän­dert. Wenn jemand anders reagiert als son­st. Wenn Abwe­sen­heit­en häu­figer wer­den. Wenn die Energie fehlt.

Diese Form der Aufmerk­samkeit braucht keine Diag­nose. Sie braucht kein ther­a­peutis­ches Gespräch. Sie braucht die Bere­itschaft, einen Raum zu öff­nen, in dem etwas zur Sprache kom­men kann.

„Mir ist aufge­fall­en, dass Sie in den let­zten Wochen stiller sind als son­st. Geht es Ihnen gut?”

Das ist keine Meth­ode. Das ist eine Hal­tung.

Rückkehr gestalten statt abwarten

Die Rück­kehr nach län­ger­er Krankheit ist für viele Mitar­bei­t­ende eine heik­le Phase. Unsicher­heit darüber, ob man wieder anschlussfähig ist. Ob das Team einen ver­misst hat. Ob die Auf­gaben noch bewältigt wer­den kön­nen.

Führung kann diesen Über­gang gestal­ten. Nicht durch große Gesten, son­dern durch klare Kom­mu­nika­tion. Ein kurzes Gespräch vor dem ersten Arbeit­stag kann vieles erle­ichtern: Was hat sich verän­dert? Was ist wichtig zu wis­sen? Was kann in den ersten Tagen noch warten?

Das sind keine Machtver­hält­nisse. Das sind Beziehun­gen zwis­chen Men­schen, die zusam­me­nar­beit­en.

Belastung normalisieren – ohne zu verharmlosen

Wenn Belas­tung zum Dauerzu­s­tand wird, braucht es mehr als indi­vidu­elle Resilienz. Es braucht eine Kul­tur, in der Belas­tung benan­nt wer­den darf – ohne dass sofort Lösun­gen erwartet wer­den.

„Ja, das ist ger­ade viel. Wir sehen das.” Das kann mehr bewirken als jede Maß­nahme.
Nor­mal­isierung bedeutet nicht: „Ist halt so, wird schon.” Nor­mal­isierung bedeutet: „Was Sie erleben, ist nicht Ihr per­sön­lich­es Ver­sagen. Es ist eine Real­ität in dieser Organ­i­sa­tion.”

Das unter­schei­det sich fun­da­men­tal von Schönre­den. Es schafft Ori­en­tierung.

Eine andere Führungsfrage

Die Frage „Wie bringe ich die Krankheit­stage runter?” führt in die falsche Rich­tung. Sie macht Führung zur Instanz, die etwas repari­eren soll, was oft struk­turell bed­ingt ist.
Die bessere Frage lautet: Wom­it beschäftige ich mich ger­ade mehr – mit der Belas­tung oder mit den Men­schen, die sie tra­gen?

Diese Frage lässt sich nicht mit ein­er Meth­ode beant­worten. Sie fordert eine Entschei­dung darüber, was Führung sein soll: Ver­wal­tung von Prob­le­men oder Gestal­tung von Beziehun­gen.

Was bleibt

Führung kann Belas­tung nicht beseit­i­gen. Aber sie kann bee­in­flussen, ob Belas­tung gese­hen wird, bevor sie unsicht­bar macht.

Wirk­sam wird Führung dort, wo Aufmerk­samkeit zur Hal­tung wird – nicht zur Meth­ode.

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Bild von Sönke Thomssen

Sönke Thomssen

Sönke Thomssen; Jahrgang 1969, wohnhaft in Nordenham; als Trainer und Coach begleite ich seit 26 Jahren Menschen und Organisationen im DACH-Raum
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